Der Wilde Osten

Ostschweiz will starke Stimme im ÖV werden

Die Ostschweizer Kantone GL, SH, AR, AI, SG, GR und TG verstärken ihre Zusammenarbeit im öffentlichen Verkehr. Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlicher Verkehr Kanton St.Gallen, erklärt, wie und weshalb man die gemeinsame Interessenvertretung gegenüber Dritten stärken, Synergien nutzen, die Wirtschaftlichkeit verbessern und den öffentlichen Verkehr in der Ostschweiz weiterentwickeln möchte.

Patrick Ruggli, was versprechen sich die Ostschweizer Kantone von der verstärkten Zusammenarbeit untereinander?
Im täglichen Geschäft zeigt sich, dass mit Hilfe eines abgestimmten Vorgehens Doppelspurigkeiten unter den Kantonen weitgehend eliminiert werden können. Eine einheitliche Ostschweizer Meinung zu ausgewählten Themen stärkt die Argumentation gegenüber Transportunternehmen, dem Bund und weiteren starken Partnern. Weiter kann sich das System des öffentlichen Verkehrs nur weiterentwickeln, wenn möglichst viel Know-how geteilt und allen zur Verfügung gestellt wird und der Austausch von Best Practices gefördert wird.

Die Ostschweizer Kantone haben die Absicht, die Zusammenarbeit untereinander zu stärken, die Abläufe effizienter zu gestalten und gegenüber Dritten geeint und stärker aufzutreten. Sie haben dafür eine gemeinsame Bestellerstrategie erarbeitet.

Wo sehen Sie aktuell den grössten Handlungsbedarf?
Die Wirtschaftlichkeit des öV muss schrittweise erhöht werden. Corona hat das Auto als Fortbewegungsmittel temporär attraktiver gemacht. Alte Gewohnheiten haben sich rasch verändert. Hingegen ist das öV-Angebot immer noch dasselbe wie vor der Krise. Bei unseren vielen kantonsübergreifenden Linien können wir das Angebot nur gemeinsam straffen, erhöhen oder verbessern. Ein zweites Feld ist die Stärkung der Verhandlungsposition gegenüber dem Bund und den Transportunternehmen. Mit gemeinsamen Positionen und Haltungen können wir mehr erreichen, als wenn jeder Kanton einzeln agiert.

Wie und wo sollen die die Fahrgäste konkret profitieren?
Die Fahrgäste werden nicht sofort direkt profitieren. Die Kooperationsvereinbarung zwischen den Ostschweizer Kantonen ist eher auf der strategischen Ebene angesiedelt, denn die öV-Planung ist sehr langfristig. Wir erwarten aber ein effizienteres öV-System, das entweder günstiger als heute ist oder für den gleichen Preis mehr Leistung bietet.

Die St.Galler Regierung schreckte 2021 die Bevölkerung mit dem Vorschlag, der Intercity 5 solle künftig in Wil statt am Flughafen halten. Dies stiess ausserhalb von Wil auf grosses Unverständnis. Ist diese Forderung nun vom Tisch?
Dieser Vorschlag ist Teil des Ausbauschritts 2035. Das eidgenössische Parlament hat diesen Schritt 2019 beschlossen. Nach der Fertigstellung des Brüttener Tunnels (Ende 2035) sollte der IC5 ohne Halt am Flughafen und mit Halt in Wil verkehren. Der Kanton St.Gallen forderte, dass dieses Angebot viel früher eingeführt wird.

Welches sind die grössten Ostschweizer Anliegen beim öffentlichen Verkehr, wo Sie sich mehr Gehör beim Bund, den anderen Kantonen und den Nachbarländern erhoffen?
Gemeinsam erarbeiten wir die Eingaben zum nächsten Eisenbahnausbauschritt (2040/45). Im grenzüberschreitenden Verkehr, sei es beim EC Zürich–München oder bei den grenzüberschreitenden S-Bahnen, erhoffen wir uns mehr Gehör, wenn wir mit einer Stimme aus der Ostschweiz sprechen. Ebenso ist ein effizienteres Angebot auf der Linie Zürich–Chur notwendig, das noch zu definierende Infrastrukturmassnahmen voraussetzt. Aber auch bei Bestellung und Aufsicht über die Transportunternehmen gilt es die Kräfte der Kantone zu bündeln.

An welche Innovationen denken Sie, die mit der verstärkten Zusammenarbeit besser ermöglicht und gefördert werden sollen?
Durch die Digitalisierung ist es evtl. möglich, Angebote in dünn besiedelten Räumen oder spät abends günstiger als mit einem fixen Linienbetrieb anbieten zu können. Pilotanwendungen können an einem Ort für mehrere Kantone durchgeführt werden. Oder bei der Umstellung von Diesel auf E-Busse können die Kantone voneinander profitieren. Das Rad muss nicht überall neu erfunden werden.

Der Kanton St.Gallen übernimmt die Geschäftsstelle, für die ein Pensum von rund 30 Prozent vorgesehen ist. Wieso St.Gallen?
Der Kanton St.Gallen ist mit Abstand der grösste Kanton der Ostschweiz und hat auch am meisten personelle Ressourcen. Wir haben diese Aufgabe bereits seit Jahren in guter Kooperation mit unseren Nachbarn übernommen. Nun haben wir mit den anderen Kantonen die Zusammenarbeit vertraglich geregelt, damit sie auch in Zukunft und personenunabhängig funktioniert. Ein Teil der Vereinbarung betrifft nun auch die Finanzierung des Aufwands des Kantons St.Gallen.

Interview: Tanja Millius

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