Der Wilde Osten

Wenn die Ostschweiz Schlagzeilen macht…

…ist es manchen auch wieder nicht recht: So viele Bad News aus der Ostschweiz! Seit einiger Zeit lesen wir in weiter westlich beheimateten Medien, dass wir in einer abgrundtiefen Krise stecken: einer Identitätskrise. Wissen nicht, wer wir sind. Wo wir anfangen und wo wir aufhören.

Publizität ist nun mal nicht gleich PR

Hatte man sich, zumindest in der Ostschweizer Politik und ihren Medien, bisher nicht stets über die Nichtbeachtung in der schweizerischen Öffentlichkeit beklagt? Wie kürzlich, als auf einer Museumskarte die Schweiz hinter Winterthur einfach aufhörte? Hatte man der fehlenden medialen nicht auch eine politische Nichtbeachtung zugeschrieben, wenn die grossen bundespolitischen Themen verhandelt wurden? Also sollten wir uns erst einmal freuen über die unerwartete Publizität, welche die Ostschweiz erfährt! Sogar dann, wenn diese Publizität kritisch bis überkritisch daherkommt. Was auch seine personellen Aspekte hat (davon später).

Ist ja nicht alles falsch

Von publizistischer Nichtbeachtung der Ostschweiz kann in den letzten Monaten jedenfalls nicht die Rede sein: Vor allem die NZZ tat sich mit zwei seitenlangen Texten über die «Identitätsstörung» hervor, die ja schon damit beginne, dass man nicht einmal wisse, ob die Ostschweiz aus drei, vier, fünf oder acht Kantonen bestehe, vom Fürstentum Liechtenstein noch gar nicht gesprochen. Wo sie beginne, wo sie aufhöre. Ein «unbeständiges Selbstverständnis», auch wenn das den Innerrhoder oder die Schaffhauserin eher nicht plagt. Wohl nicht einmal den Rapperswiler. Fehlende Visionen, ja eigentliche «Bad Governance» werden beschrieben, ein «Angst- und Neid-Föderalismus», Kleinmut in jeder Beziehung. Ganz im Gegensatz zur Vergangenheit, als in St.Gallen gross gedacht wurde. Von einer Metropole mit 200’000 Einwohnern geträumt. Während heute Grossprojekte wie eine gesamt-ostschweizerische Landesausstellung oder 3000 neue Arbeitsplätze im «Leuchtturmprojekt» Wil-West an kleinlichen Widerständen schmählich scheitern.

Nun sind derlei Kritikpunkte ja nicht aus der Luft gegriffen. Im Gegenteil: Sie werden in der Ostschweizer Öffentlichkeit keineswegs verschwiegen, sondern ebenfalls – und zum Teil leidenschaftlich – verhandelt. Auch wenn die Medienlandschaft im Vergleich zu früheren Jahrzehnten geschwächt ist und der stärkste Baum im «Bannwald der Demokratie» (so einst Oskar Reck), das St.Galler Tagblatt, inzwischen aargauische Wurzeln hat: Die Ostschweiz ist keine Dunkelkammer, die von aussen zwingend zusätzliche Lichtquellen braucht. Vor allem nicht solche, die die beleuchteten Gegenstände verzerren und riesengrosse Schatten werfen.

«Good News is no News»

Aber als lebenslanger Journalist, der die Hälfte seiner beruflichen Karriere in den Zürcher Medien verbracht hat, muss ich hier ein zentrales Kriterium erwähnen, das den Journalismus von der Alltagserfahrung – auch der öffentlichen – eines gewöhnlichen Mediennutzers unterscheidet. Es kommt aus dem amerikanischen Journalismus und heisst: «Good News is no News. Only Bad News is Good News.» Nur schlechte Naschrichten sind für den Journalisten wirklich gute Nachrichten. Schon Napoleon hatte seine Leibgarde instruiert, wann er nachts unverzüglich geweckt werden wolle: Nämlich nur dann, wenn schlechte Nachrichten gemeldet würden. Seien die Nachrichten gut, lasse man ihn schlafen. Und der erste Zeitungswissenschafter deutscher Zunge, Kaspar Stieler, sah 1695 im Vermelden des Unerwarteten, «Unverhofften» die Aufgabe der Zeitung. Nur das Kalb mit den zwei Köpfen oder die Unwetterkatastrophe im Nachbarland gehören in die Zeitung!

Mit anderen Worten: Nicht dauernd in den Medien zu erscheinen ist nicht zum vorneherein ein Nachteil. Viele kluge Leute meiden bekanntlich das Scheinwerferlicht der Medien. So geht ja auch in der Ostschweiz vieles seinen gewohnten, unaufgeregten Gang. Funktioniert klaglos. Zudem sorgt die dezentrale Siedlungsstruktur eben nicht dauernd für grossstädtische Aufreger. Bewegt dafür immer mehr Pendler mit Arbeitsplatz im Grossraum Zürich zu einem Wohnsitz im Thurgau oder im Fürstenland. Landschaften, die schon Schillers Tell mit den schönen Worten beschrieb: «Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.» Selbst in der Ostschweiz aufgewachsene Schriftsteller wie Peter Stamm sind ruhigere Zeitgenossen als beispielsweise der laute Berner Lukas Bärfuss. Alles in allem also: kein guter Nährboden für tägliche Sensationen und Skandale. Trockenes Brot für News-Journalisten. Zu wenig Bad News.

Viele Ostschweizer in den nationalen Medien

Auch aus diesem Grund vermag die Ostschweiz viele talentierte Journalisten nicht im Land zu halten. Sie wandern aus, meist in die Metropole Zürich und ihre nationalen Medienhäuser der SRG, TX (Tages-Anzeiger), Ringier und NZZ. Oder noch etwas weiter zu den in Aarau heimischen CH-Medien aus dem Hause Wanner. Ihre Zahl in diesen nationalen Titeln ist erstaunlich gross. Kein Wunder, dass sie zum Zuge kommen, wenn man wieder einmal etwas über die Ostschweiz schreiben muss, um die dortigen Abonnenten und Nutzer nicht ganz durch Nichtbeachtung zu verprellen.

So sind denn auch die NZZ-Journalisten, aus deren Feder die erwähnten kritischen NZZ-Texte stammen, Ostschweizer: Der eine im Rheintal aufgewachsen, erste Arbeitsstelle beim «Rheintaler». Der andere St.Galler mit Stationen in Appenzell, im Thurgau und beim Tagblatt. Auch die Inland-Ressortleiterin wohnt in St.Gallen. Das bringt einerseits Detailkenntnisse, wenn auch manchmal bereits etwas angejahrte. So, wenn behauptet wird, in der Textilstadt St.Gallen würden lediglich die Textilien für die grosse Modewelt in Paris und anderswo hergestellt. Du lieber Mann: Noch nie etwas vom Label Akris des St.Galler Modeschöpfers Albert Kriemler an den Fashion Weeks von Paris oder Mailand gehört?

Der übersehene Schildbürgerstreich

Dafür hat es ein veritabler St.Galler Schildbürgerstreich noch nicht in die nationalen Schlagzeilen geschafft: Der Entscheid des St.Galler Theaters – ein höchst ansehnlicher Dreispartenbetrieb notabene – seine sommerlichen Open-Air-Festspiele jedes zweite Jahr vom wunderbaren St.Galler Klosterbezirk in die Flumserberge zu verbannen. Das Fiasko ist, spätestens für die zweite Auflage auf der Alp, vorprogrammiert. Dazu braucht man kein Hellseher zu sein.

Betriebsblinde «Heimatkunde»

Als die NZZ seinerzeit ein Buch mit 26 Kantonsporträts plante («Bausteine der Schweiz»), hatte ich als Thurgauer natürlich meinen Heimatkanton zu porträtieren, daneben aber auch noch die Schwergewichte Zürich («Zürich und die andern») und Basel-Stadt. Und welches Porträt fiel mir mit Abstand am schwersten? Dasjenige über den Thurgau! Weil ich einerseits zuviel wusste: zuviel Subjektives, Unüberprüftes, vermeintlich Wichtiges, vermeintlich Unwichtiges – und andrerseits zu wenig von alledem. Wie bei einem Bekannten, von dem man den Vornamen zu kennen glaubt, aber schon seit Jahren falsch liegt, weil er anders heisst.

Mit anderen Worten: Es ist nicht immer gut, nur Journalisten über jene Region, jenes Gebiet schreiben zu lassen, wo sie herstammen. Aus eigener Erfahrung: Ich habe bessere Texte über Basel oder die Romandie geschrieben als über den Thurgau. Liebe Chefs, liebe Chefinnen: Schickt doch die Ostschweizer mal ins westliche Mittelland, in die Bergkantone, in die Romandie. Und lasst junge Kollegen aus jenen Regionen über die Ostschweiz schreiben! Einen Versuch ist es wert.

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