Der Wilde Osten

775'000 Menschen, 4 Länder, 1 Region: Fragen und Antworten rund um den Metropolitanraum Bodensee

Mit einem Metropolitanraum Bodensee will die Ostschweiz im internationalen Standortwettbewerb in die Premium League aufsteigen.

Metropolitanräume werden im Wettbewerb um Ansiedlungen, Investitionen und qualifizierte Arbeitskräfte immer mehr zur harten Währung. Mit der Selbstdeklaration eines Metropolitanraums Bodensee geht nun auch die Wirtschaftsregion St.Gallen, Rheintal, Bodensee diesen Weg – die Charta wurde am Mittwoch unterzeichnet. Nach dem Startschuss ist es das Ziel, die Sichtbarkeit im Konzert der grossen europäischen Wirtschaftsräume wie Köln und Stuttgart zu verbessern. – Wir bringen die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

In aller Kürze: Was sind Metropolitanräume?

Für Bundesbern sind diese wichtigen Wirtschaftszentren zentrale Planungsgrössen für die grossen Investitionen, sagt der St.Galler Ständerat Paul Rechsteiner.

Was braucht es, um ein Metropolitanraum zu sein?

Definiert werden sie als verdichtete Siedlungsräume mit urbaner Zentrumsfunktion. Sie gelten als die Motoren der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz. Wesentlich sind die wirtschaftlichen Verflechtungen und die Pendlerströme. Unter Einbezug des grenznahen Vorarlberg, insbesondere der Agglomeration Dornbirn, überschreitet der Metropolitanraum St.Gallen die definierte Schwelle von 500000 Einwohnern klar.

Was sind die Vorzüge des Metropolitanraums Bodensee?

Es ist ein über Jahrhunderte natürlicher gewachsener Lebens- und Wirtschaftsraum und kein fiktives Konstrukt wie die Hauptstadtregion Schweiz. Es gibt kein Klumpenrisiko, keine Monokultur, die eine alles beherrschende Branche: Die Region ist breit aufgestellt – das Rückgrat der Wirtschaft auf beiden Seiten des Rheins sind kleine und mittlere Unternehmen. Hier gibt es über 40 Betriebe mit über 500 Beschäftigten. Rund 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Industrie und Gewerbe. Es ist eine der am stärksten industrialisierten Regionen der Schweiz. Denkt man die Grenze weg, ist es eine der dynamischsten Regionen Europas.

Was heisst das in Zahlen?

Hier leben 775’000 Menschen, hier gibt es 445’000 Beschäftigte. 35’000 davon forschen und produzieren in Hochtechnologie-Branchen. Die Region ist Weltspitze in textiler Innovation, in Technologie, Design und Produktionstechnik. Die Universität St.Gallen ist eine der besten Wirtschaftsuniversitäten. Die Fachhochschule Vorarlberg gehört zu den forschungsintensivsten Fachhochschulen Österreichs. Die Empa in St.Gallen und weitere Institute bilden einen Forschungscluster mit internationaler Ausstrahlung. Hier wird ein Bruttoinlandprodukt von 30,8 Milliarden Franken generiert und werden jährlich über zwei Millionen Logiernächte gezählt.

Wer gehört zum Metropolitanraum Bodensee?

Er tangiert vier Länder und über 20 Städte und umfasst im Kern die vier Agglomerationsräume Rheintal (einschliesslich Lindau), St.Gallen-Bodensee, Werdenberg-Liechtenstein und Wil. Der Metropolitanraum Bodensee ist offen für weitere Kooperationen in einem erweiterten Kreis, insbesondere mit den Agglomerationen Konstanz-Kreuzlingen, Friedrichshafen-Ravensburg sowie weiteren Körperschaften. Die Absichtserklärung unterschrieben haben die Kantone St.Gallen, beide Appenzell sowie das Land Vorarlberg, die deutschen Landkreise Lindau und Bodensee, vier Agglomerationen, die Region Oberthurgau, 16 Arbeitgeber-, Handels- und Industrievereinigungen und Gewerbeverbände, sowie die IHK St.Gallen-Appenzell und Thurgau.

Ist es nicht seltsam, dass Bregenz nun zum Metropolitanraum gehört, nicht aber der Thurgau?

Das mutet in der Tat etwas seltsam an. Der Kanton Thurgau hat eine Mitgliedschaft mehrmals abgelehnt. Er ist bereits Teil der Metropolitanregion Zürich – die Charta unterzeichnet haben einzig der Oberthurgau und die Industrie- und Handelskammer Thurgau. Mit den Regionen Wil und Rapperswil-Jona hat der Kanton St.Gallen an der Peripherie ähnliche Herausforderungen: Er ist daher auch Mitglied des Metropolitanraums Zürich.

Wie kam das Vorarlberg dazu?

Das grenzüberschreitende Rheintal spielt für die Konstituierung eine wichtige Rolle. Die zweijährige Vorbereitung zeigte: Die Voraussetzungen für einen Metropolitanraum Bodensee sind gegeben, es gibt gemeinsame Interessen und diesmal ist auch die Bereitschaft zur Umsetzung da. Im Frühjahr 2019 hat die Regio die Federführung für den Prozess der St.Galler Regierung übergeben.

Wer gab den Anstoss für den Metropolitanraum?

Die St.Galler Standesvertreter Paul Rechsteiner (SP) und Karin Keller-Sutter (FDP), die heutige Justizministerin, forderten 2014 eine Metropolitanregion St.Gallen. Auslöser war das Raumkonzept Schweiz von 2012, das die Nordostschweiz nicht als Metropolitanraum definiert.

Warum brauchte es mehrere Anläufe bis zur Umsetzung?

Die Idee versandete im ersten Anlauf, bis sie Rolf Geiger, der ehemalige Geschäftsführer der Regio Appenzell AR-St.Gallen-Bodensee, und die Wirtschaft St.Gallen-Bodensee 2016 wieder aufgriffen und mehrere Denkwerkstätten mit Ostschweizer Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft organisierten.

Wie real ist dieser Metropolitanraum? Ist er mehr als ein Papiertiger?

Die Charta ist erst der Startschuss, dem unter St.Galler Führung rasch die Konstituierung eines Gremiums folgen soll, das konkrete Projekte definiert und umsetzt.

Gibt es bereits erste Ideen?

Das grosse Thema ist die Erreichbarkeit des Bodenseeraumes mit dem öffentlichen Verkehr. Sie ist laut Studien im Jahr 2020 im Vergleich zu München und Stuttgart noch bescheiden. Die Beschleunigung Zürich–München ab Dezember ist ein erster Schritt, die von Paul Rechsteiner ins Spiel gebrachte Verlängerung Richtung Berlin ein nächster.

Sind die Tarifsysteme im grenzüberschreitenden Verkehr nicht ein Problem?

Wenn das im Grossraum Genf beim Léman Express, dem grössten grenzüberschreitenden S-Bahnnetz Europas, gelungen ist, ist auch die Zusammenarbeit zwischen Bern und Wien nicht auszuschliessen.

Sind noch andere Formen der Zusammenarbeit denkbar?

Ja, etwa im Hochschul- und Forschungsbereich. Bereits verhandelt wird über einen HSG-Ableger, einen Informatik-Campus in Dornbirn.

Kann man davon ausgehen, dass der Bund den Metropolitanraum Bodensee sofort anerkennt?

Dieser Prozess braucht Zeit. Die metropolitanen und grossstädtischen Zentren sind im 2012 publizierten Raumkonzept Schweiz definiert. Dieses langfristige Strategiedokument wird alle fünf Jahre überarbeitet – das nächste Mal also 2022. Das geschieht allerdings nicht durch den Bund allein, sondern zusammen mit Kantonen, Städten und Gemeinden.

Wie viele Metropolitanregionen gibt es bereits in der Schweiz?

Gemäss dem Raumkonzept Schweiz gibt es offiziell drei Metropolitanregionen und die Hauptstadtregion. Heute anerkannt sind Zürich (Kantone Zürich, Schaffhausen, Zug sowie Teile der Kantone Thurgau, St.Gallen, Aargau, Luzern und Schwyz), die Métropole Lémanique (Kantone Genf und Waadt, Teile der Kantone Freiburg und Wallis sowie die benachbarten französischen Grenzregionen). Das gilt auch für den trinationalen Metropolitanraum Basel (Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft sowie Teile der Kantone Aargau, Jura und Solothurn) und die Hauptstadtregion Schweiz (Kanton Bern sowie Teile der Kantone Solothurn, Neuenburg, Freiburg und Waadt).

Der Metropolitanraum Bodensee ist also der Fünfte?

Theoretisch, ja, wenn es die Città Ticino nicht gäbe, die bevölkerungs- und flächenmässig kleinste Metropolregion.

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